Sagen aus dem Vinschgau

- Pfluagziachen: die Bösen beim Köndel stehlen (Foto: Meinrad Moser)
Je weiter die Wurzeln eines Volkes in die Geschichte zurückreichen, umso reicher ist dieses Volk auch an Sagen und Legenden. Früher wurden sie noch wie selbstverständlich von den Eltern an die Kinder weitergegeben, heute hat hingegen vielfach das Fernsehen den Platz der erzählten Geschichte eingenommen. Doch die Sagen leben weiter, besonders im Vinschgau.
Ein beliebtes Motiv ist der Übermut und Stolz der Menschen, der von einer höheren Macht unweigerlich bestraft wird. So ergeht es auch den Bauern auf einer Alm oberhalb von Planeil. Weil die Älpler nicht genug Behälter für die viele Milch der Kühe hatten, verwendeten sie die Milch auch zum Waschen und Baden, und mit der überschüssigen Butter verstrichen sie die Ritzen und Löcher der Almhütte. Und so kam, was kommen musste: Eines Tages versank die Almhütte samt Mensch und Tier. Zurück blieb lediglich eine tiefe Mulde, die man heute noch klar erkennen kann.
Von Selbstbeherrschung, Selbstüberwindung und einem Schmied aus Stilfs
Das Thema der Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung war im Alten Testament genauso präsent wie etwa in der griechischen Mythologie. Orpheus dreht sich trotz anderslautender Anweisung am Ausgang des Totenreiches nach seiner geliebten Eurydike um und verliert sie dadurch für immer. Ganz so tragisch erging es einem Schmied in Stilfs nicht, aber die Parallelen sind unübersehbar.
Der Schmied wird in tiefer Nacht von einer unheimlichen Gestalt geweckt und angehalten, das vor dem Haus wartende Ross zu beschlagen. Das Pferd war schwarz mit feurigen Augen und Funken sprühenden Nüstern. Nach getaner Arbeit reicht der Unbekannte dem Schmied eine Handvoll Goldmünzen unter der Bedingung, dass er auf keinen Fall schaue, wohin er reite. Doch die Neugier des Handwerkers war stärker, und das Gold in seiner Tasche wurde zu wertlosem Laub.
Entschädigt werden könnte der Handwerker vielleicht durch den Fund eines goldenen Kegelspiels, das der Sage nach immer noch in einer Höhle am Schlosshügel von Obermontani am Eingang zum Martelltal versteckt liegt. Die Burg galt einst als sehr vornehm und wohlhabend, wie die Goldschüsseln und damastenen Decken bewiesen. Die Burgdamen erfreuten sich an ihrem kostbaren Schmuck, und die Ritter vergnügten sich beim Spiel mit den goldenen Kegeln.
Wenn sich einer besinnt... - Heimatpflege
Robert Winkler hat im Laufe von fast fünf Jahrzehnten diese und viele andere Sagen aus dem Vinschgau gesammelt, aufgeschrieben und in einem Buch veröffentlicht. Den Ausschlag dafür gab eine unauslöschliche Kindheitserinnerung: „Meine Mutter hat mir die Sagen noch bei Kerzenlicht erzählt“. Dass der Sohn sie nun der Nachwelt weitergibt, ist nicht nur der Verbundenheit mit seiner Heimat zuzuschreiben, sondern wohl auch ein Dankeschön, das er seiner Mutter sagen wollte.
Für den Besucher ist es hingegen eine einmalige Gelegenheit, die Seele der Vinschgauer zu ergründen. In den Sagen spiegeln sich Freude und Leid, Schwächen und Stärken, Sünden und Tugenden der Menschen wider. Sie werden uns wie ein Spiegel vorgehalten, bald mit erhobenem Zeigefinger, dann wieder mit beruhigendem Lob.
Doch das schönste an all den Vinschgauer Sagen ist das Abgründige und Allzumenschliche, das überdies der Phantasie des Lesers breiten Raum lässt.
Text: Pressedienst Tourismusverband Vinschgau - Zusammenstellung Südtirolprojekt